16.04.2008

Inmitten einer fabelhaften Landschaft, vulkanischem Gebirge und dem noerdlichsten Regenwald auf unserem Planeten, liegt der viertgroesste See Mexikos. Um den Lago Catemaco herum gruent es verschwenderisch und er bietet zahllosen Wasservoegeln Heimat und Nahrung. In den Tagen, die wir hier verbringen, koennen wir Kormorane und Reiher beim Nestbau beobachten und staunen, wieviele in einem einzigen Baum Platz finden! Von dem Laerm und dem Geschrei, das sie veranstalten koennen, gar nicht zu reden…
Doch das ist nicht der einzige Trubel, den wir hier erleben. Der Abend unserer Ankunft im gleichnamigen Oertchen Catemaco faellt (voellig unbeabsichtigt!) mit dem Karneval zusammen. Aus der tiefsten Provinz – und die ist hier wahrlich nicht weit – ist man gekommen, um dem Spektakel beizuwohnen und auch wir waren mittendrin. Am naechsten Tag allerdings waren wir die ersten auf den Beinen und hatten Glueck, einen Bootsmann zu finden, der fit war fuer die Seerunde. Sie fuehrt zu einer kleinen Affeninsel und zu unserer grossen Entdeckung: Nanciyaga! Hier treffen sich See und Urwald in beinahe unberuehrter Form und haben ein erstklassiges Oekotourismusprojekt inspiriert. Eine Handvoll hoelzerner, doch erstaunlich luxurioeser Cabañas steht dem Besucher, der es wagen will, zur Verfuegung. Unter der Woche ist der Preis fuer die Uebernachtung halbiert und so goennen wir uns den Luxus. Das Seewasser hier ist hochmineralisiert und kristallsauber; ausserdem gibt es mineralischen Seeschlamm in Mengen, also wird uns erstmal eine Ganzkoerper-Schlammpackung verpasst, die die Durchblutung foerdert und das Hautbild verfeinert. (Ja, Johannes hat mitgemacht!) Den getrockneten Schlamm waschen wir im kalten Quellwasser in einem natuerlichen Pool ab, den wir mit kleinen Schildkroeten, Fischen und vielen Wasserpflanzen teilen. Die Krokodile des Sees werden von einem Zaun ausgesperrt.

Hinterher unternehmen wir eine Kajakfahrt auf dem See, beobachten die Reiher und eine Gruppe Mandrillaffen, die auf einer kleinen Insel angesiedelt wurde. Trotz unserer voelligen Paddelunerfahrenheit schaffen wir es, rechtzeitig zu meinem Massagetermin zurueck. Ich bekomme eine Ei-Reinigung und eine Aromaoelmassage. Wer sich darueber wundert, weiss nicht, dass der Lago Catemaco ein Zentrum traditioneller Heilkunst und des Schamanismus ist. Meine Visionen von schleimigem Ei auf der Haut erfuellen sich allerdings nicht. Vielmehr werde ich mit einem rohen Ei massiert und gerieben, es fuehlt sich hart und warm an wie ein Stein. Hinterher soll ich es in den See werfen, denn „es birgt jetzt all meine negativen Energien in sich“. Oekologisch ist das uebrigens kein Problem – die Krokodile werden’s richten.

Am Abend sind wir reif fuer den wunderbaren Wolfsbarsch „a la Veracruzana“, den wir ganz allein in der ungestoerten Daemmerung geniessen. Die Voegel und Grillen sind unsere Mariachis, auch die Bruellaffen machen sich aus den Baumkronen bemerkbar und nichteinmal als ein handgrosser metallblauer Schmetterling vorbeifliegt erscheint uns das verwunderlich, sondern einfach nur schoen. So gut wie in unserer Dschungelcabaña haben wir in ganz Mexiko noch nicht geschlafen!

Zum Nachmachen empfohlen:

http://www.nanciyaga.com

Villahermosa, das heisst uebersetzt so viel wie „schoenes Staedtchen“ und entpuppt sich bei unserer Ankunft als das genaue Gegenteil. Es ist gross, laut, modern, haesslich. Nach dem kolonialen Chic der Hafenstadt Campeche ein ziemlicher Schock. Doch es gibt einen guten Grund, warum wir gerade hierher gekommen sind. Villhahermosa beherbergt inmitten seiner vielspurigen Strassen eine Perle: den Parque La Venta. Die Muschel, in welcher diese Perle ruht, wird geformt von der Laguna de ilusiones und dem groesseren Parque Tomas Garrido Canabal.

La Venta, das ist der Name der bedeutsamsten Olmekensiedlung. Sie wurde in den 50er Jahren westlich von Villahermosa im Urwald von Tabasco entdeckt und ihre wichtigsten und schoensten Stuecke in die Stadt gebracht, um sie hier zu erhalten und auszustellen. Um diese Ausstellung so authentisch wie moeglich werden zu lassen, hat man die kolossalen Steinkoepfe, Basaltsaeulen und Altaere in einem eigens angelegten Urwaldpark untergebracht. Hier leben Termiten, Nasenbaeren, Krokodile und sogar Jaguare, diese allerdings nur im Kaefig.
Wenn man durch den Park spaziert und Stueck fuer Stueck die Zeugen der olmekischen Bildhauerkunst entdeckt, kann man kaum glauben, dass die Olmeken die erste zivilisierte Gesellschaft Mesoamerikas waren. Seit ca. 1800 v. Chr. lebten sie in Staedten, kennen seit etwa 1500 v. Chr. ein Schriftsystem und verliessen schliesslich ihr kulturelles, religioeses und Verwaltungszentrum La Venta schon um 400 v. Chr. Dennoch sind die Gesichter und Skulpturen, die wir hier sehen nicht nur mit die best erhaltenen, sondern auch kunstfertigsten, die wir bis jetzt besichtigt haben. Auf bis zu 20 Tonnen schweren Bloecken Vulkangesteins wurden Gesichter geschaffen, die den Betrachter aufmerksam und streng anzublicken scheinen, mit grossen Augen, breiten Nasen und wulstigen Lippen. So haben sich auch der Bluete wie dem Untergang ihrer Kultur mit stoischem Ausdruck zugeschaut.

Die Altaere von La Venta sind gepraegt von sitzenden Figuren, die aus einer Oeffnung oder Hoehle zu krabbeln scheinen und oft ein Kind in den Armen halten. Alles wirkt so lebendig; die Ornamentik ist klar, von Jaguarsymbolik dominiert und erscheint fast modern. Zum ersten Mal auf unserer Reise habe ich beim Betrachten antiker Skulpturen das Gefuehl, dass sich mir ihre Bedeutung ganz intuitiv erschliesst.

Ein weiteres Highlight, das der Parque La Venta uebrigens zu bieten hat, ist der Zoo in unmittelbarer Nachbarschaft zum Museums-Gelaende. Seine Hauptattraktion ist neben den abseits gehaltenen Tukanen und plaudernden kleinen Papageien, eine riesige begehbare Volière, die die vom Aussterben bedrohten, grossen roten und gruenen Aras beherbergt, einen Pfau, einen Pelikan, bunte Finken, kleine Papageien und einiges mehr. Die Tiere koennen sich frei bewegen und sind alles andere als scheu. Das ermoeglicht Begegnungen einzigartiger Natur.

10.04.2008

Ja, wir waren auch da. Chichen Itza ist eine der allerberuehmtesten Mayaausgrabungen und das zu Recht. Sie beherrbergt den groessten bekannten Pelota-Platz, der noch dazu in einem unglaublich gutem Zustand ist. Die grosse Pyramide, El Castillo genannt, hat eine wunderschoene glatte Fassade und die Haupttreppen werden von zwei grossen Schlangenkoepfen geziert. Ein grosser Cenote findet sich auf dem Gelaende, ein rundes Observatorium, viele andere mit Masken und Ornamenten reich geschmueckte Gebaeude. Aber all das ist bekannt. Tausende von Touristen kommen hierher, wahrscheinlich taeglich. Als wir um 12.00 Uhr das Gelaende verlassen koennen wir die ankommenden Luxusreisebusse ueberhaupt nicht mehr zaehlen und so fehlt diesen Ruinen die Atmosphaere, wie wir sie bei anderen, kleineren und vielleicht weniger schoenen Ausgrabungen erleben konnten.
Und uebrigens, anders als viele Reisefuehrer noch behaupten moegen, sind die besonders interessanten Stuecke von Chichen Itza fuer die Oeffentlichkeit nicht mehr zugaenglich. El Castillo darf nicht mehr bestiegen werden und die rote Jaguarskulptur, die mit Tuerkis bestetzt ist, verbirgt sich unerreichbar im Inneren der Pyramide…

Die Maya nannten sie „ts’onot“, heilige Quelle. Cenotes sind Aushoehlungen im Kalkstein, die mit glasklarem Wasser gefuellt sind, zum Teil liegen sie unterirdisch, manche sind halb geoeffnet und andere zeigen sich ganz an der Erdoberflaeche. Sie alle sind verbunden durch ein unterirdisches Fluss- und Hoehlensystem, das sich uber die ganze Halbinsel Yukatan erstreckt.
Wie der Name schon sagt, waren sie fuer die Maya mystische Orte. Nicht nur Lebensspender als Wasserquellen, sondern auch Lebensvernichter. Sie galten als Tor zur Welt der Goetter und Geister und so wurden in ihnen nicht nur Gegenstaende geopfert, sondern auch Menschen. Mit zusammengebundenen Haenden wurden sie hinabgestuerzt zur Anbetung der Goetter. Wer ueberlebte, galt als Prophet, denn er hatte mit den Goettern gesprochen.

Anders als die meisten Ruinen von Mayastaetten haben diese fuer viele Siedlungen so wichtigen Orte die Zeit unbeschadet uberdauert. Schoener koennen die Kalksteinseen auch damals nicht gewesen sein, als sie es heute sind.
Wir haben den Cenote Dzitnup in der Naehe von Chichen Itza besucht, der obwohl man darin baden kann, aussieht wie neu erschaffen. Nur die grossen Stalagmiten und Stalaktiten in der Hoehle beweisen still das Gegenteil. Sein von tuerkis bis azur schimmerndes Wasser wird durch eine kleine Oeffnung in der Hoehlendecke beleuchtet, was dem Ort wahrhaftig eine magische Stimmung verleiht.

07.04.2008

Hurra, die Einoede hat uns wieder! Touristenmassen? Hier in Rio Lagartos, im Norden von Yukatan, am Golf von Mexiko, koennen wir froh sein, wenn abends ein Restaurant aufmacht, wo wir unseren Hunger stillen koennen. Hier ist absolut gar nichts los; unsere „Posada Leily“, wo wir wohnen, nennen wir das Geisterhaus. 2 Geckos sind unsere einzigen Gefaehrten. Warum sonst niemand hier ist, um die Flamingokolonien des Parque Nacional Rio Lagartos zu beobachten koennen wir uns nicht erklaeren. Aber wir sind’s zufrieden und brechen heute Morgen um 6.00 Uhr mit Privatfuehrer und Privatboot zur Tour auf. Ueber den Mangrovenwaeldern geht die Sonne auf.

Durch ihren zarten Schein fliegen Riesenfregatten und Pelikane. Im niedrigen Salzwasser stehen verschiedenste Arten von Reihern, graue und weisse, auch kleine, wie es sie bei uns nicht gibt. Etwa die ‘garzas tigres’, die in den Aesten der Mangroven ein lautes Bruellen von sich geben. Die allerkleinsten, ‘garzas verdes’ huepfen auf den Mangrovenwurzeln dahin, wo auch die Krokodile lauern. Auf den hoechsten, abgestorbenen Aesten sitzen zwei schwarze Falken aus dem selben Grund. Ueber unsere Koepfe hinweg ziehen immer wieder weisse Ibisse, auch ein Paearchen gruener Papageien und etwas weiter entfernt sehen wir die unverkennbare Silhouette fliegender Flamingos. Sie leben etwas weiter draussen, wo so viel Salz im Wasser ist, dass die geloesten Mineralien es rosa faerben! Hier finden die schoenen Voegel besonders viel Nahrung, wenn sie grazioes durch Wasser staksen.


Ihren Lebensraum teilen die Flamingos uebrigens friedlich mit einer Saline, in der Salz fuer den menschlichen Verzehr in beachtlichen Mengen abgeschoepft wird.

05.04.2008

Wer Coba besucht, sollte es auf keinen Fall versaeumen, auch bei dem ca. zwanzig Kilometer entfernten Affenreservat, in dem die noerdlichste Kolonie von Klammeraffen lebt, vorbeizuschauen. Zwar muessen wir einiges fuer die Taxifahrt berappen und auch Eintritt bezahlen, aber es lohnt sich, denn mit etwas Glueck lassen sich die Tiere auch ohne den teuren ‘guia’ aus naechster Naehe beobachten. Wir haben dieses Glueck und sehen drei Muetter mit Kleinen auf dem Ruecken, schauen zu, wie sich die geschickten Affen elegant und verspielt durch’s Blaetterdach hangeln, wobei sie mit Vorliebe an ihren Schwaenzen baumeln, und koennen sie beim Fruechteknabbern und Spielen beobachten. Es ist ein wahrhaft ruehrendes Vergnuegen!

03.04.-05.04.2008

Aus dem guatemaltekischen Urwald bringen uns neun qualvolle Stunden im ueberfuellten Touribus erst nach und durch Belize und schliesslich wieder in unser gutes altes Mexiko. Die Grenzuebertritte verlaufen im Grunde unkompliziert, solange man stets den richtigen Betrag in der richtigen Waehrung bereithaelt. Auch wurde unser Bus in Belize nicht ueberfallen, obwohl wir beim Einstieg einer Gruppe fuenfizig- bis sechzigjaehriger Kanadier, die ihre Strohhuete einfach nicht abnehmen wollten, unser Schicksal besiegelt glaubten. Die Busbesetzung jedenfalls war nur eine sanfte Vorbereitung auf das, was uns in Tulum erwarten sollte. Hier hat der Pauschaltourismus Einzug gehalten mit all seinen unerfreulichen, zum Teil aber auch erheiternden Begleiterscheinungen. Am (immer noch) kleinen Busbahnhof konnten wir Dramen mitverfolgen! Etwa von abgereisten Ehemaennern und zurueckgebliebenen Ehefrauen, ohne Geld und in Badeschlapfen. Die voellig unschuldigen Schalterbeamten wurden natuerlich stets auf Englisch beschumpfen und blieben trotztem voellig ‘tranquillo’.
Ueberhaupt hat man sich hier auf die Gaesteschar eingestellt und verfasst saemtliche Angebote auch in englischer Sprache. So bieten zahlreiche Haehnchengrills stolz „Chicken, roasted to the coal“ an. Natuerlich kann es sich dabei einfach um einen kollektiven Fehler handeln, ich glaube aber eher, dass man sich von den Touristen selbst hat inspirieren lassen – denn auch sie sind groesstenteils „roasted to the coal“.
Allerdings darf man auch nicht verschweigen, warum so viele Menschen hierher kommen: Der Karibikstrand ist einfach traumhaft schoen. Der Sand ist weiss und fein wie Zucker, das Meer so tuerkis, wie es nur sein kann. Die Mayaruinen von Tulum liegen an der Kueste, als waeren sie nur gebaut worden, um das Unmoegliche moeglich zu machen: das Bild noch etwas zu verschoenern. Bei einem Besuch der Staette gibt es uebrigens noch eine Attraktion weniger antiker Natur. Die vielen Leguane, die sich auf den alten Mauern besonders wohl fuehlen und sich voellig lethargisch aus naechster Naehe in Augenschein nehmen lassen.

Aehnlich ueberlaufen wie Tulum sind auch die ca. fuenfzig Kilometer entfernten Ausgrabungen von Coba. Sie liegen wunderschoen im dichten Wald von Yukatan und an zwei Seen, in denen wir wiedermal Johannes´ Lieblinge treffen, wildlebende Krokodile. Um 8.00 Uhr morgens sind wir hier die Ersten, die das einige Kilometer weite Gelaende betreten, doch schon bald kommen die grossen Reisebusse. Ihre Insassen lassen sich von Fahrrad-Rikschas von Tempel zu Stele zu Pelota-Platz kutschieren.


Pelota-Platz in Coba, besonders schoen erhalten

Am Ende unseres Rundgangs ueber die ’sacbes’, die zeremoniellen Strassen der Maya, erreichen wir Nohoch Mul, die hoechste Pyramide auf Yukatan. Ihre Ecken sind abgerundet, eigentlich eine Besonderheit des Baustils der Ostkueste. Oben wird sie von einem Tempel geziert; von hier haben wir einen herrlichen Ausblick ueber das sich bis zum Horizont erstreckende Blaetterdach und ein Schauspiel ganz anderer Natur: Unsportliche Besucher, die es zwar bis nach oben geschafft haben, wo sie jedoch angesichts der Groesse dieser alten ehrwuerdigen Kultur der Schwindel packt, sodass sie gezwungen sind, auf ihren Hinterteilen Stufe fuer Stufe wieder hinunterzurutschen.

31.03.2008

Der Lago Peten Itza ist unsere Luxus- und Wohlfuehlstation, von der wir einen Tagesausflug nach  Tikal machen. Es ist nicht nur kulturell, sondern auch landschaftlich der Hoehepunkt unserer Reise!
Die beeindruckenden Pyramiden und Tempel von liegen tief im subtropischen Regenwald. Sie sind alles andere als ausgestorben, denn die wunderbarsten Tiere bevoelkern jetzt die alte Mayastaette, die von 800 v.C. bis 900 n.C. von Menschen bewohnt war. Wir kommen dort um 6.00 Uhr morgens dort an. Jetzt singen die Voegel laut und lassen sich am zahlreichsten blicken. Wir sehen drei leuchtende Tukane, etliche gruene Aras, gelbbeschwanzte ‘oropendulas’, die ihre Nester wie Tropfen aus Moos von den Baeumen baumeln lassen, blauglaenzende wilde Truthaehne, die allgegenwaertigen ‘zopilotes’ und etliche andere, die ich nicht zu benennen weiss. Im Laufe des Tages sollen uns noch 3 Bruellaffen und eine Gruppe ‘pizote’ genannte Halbaffen begegnen.
Ich gebe zu, dass ich mit einem Auge immer die Baumkronen absuche, aber die Pyramiden sind doch genauso faszinierend. Einzigartig in ihrer Bauweise tragen sie eine Art Krone, durch deren Fenster zur richtigen Stunde das Sonnenlicht strahlt. Von dort oben blickt man ueber das Blaetterdach und kann die Ausmasse der Stadt erahnen. Unnahbar ragen die Spitzen der anderen Tempel aus dem Morgennebel.

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28.03.2008

Bei den Lagos de Montebello beginnt die Carretera Fronteriza, die grosse Strasse, die sich entlang der Grenze zu Guatemala schlaengelt. Sie fuehrt uns hinab in die Ebene und an den Usumacinta, neben dem wir Richtung Norden rumpeln. Im Bus ist es heiss und eng wie immer. Hinter uns sitzen heute zwei besondere Voegel, hoechstens fuenfzehn Jahre alt. Bei jeder Militaerkontrolle – und derer gibt es viele auf der Grenzstrasse – werden sie nervoeser. Uebrigens sind die Kontrollen wohl eher eine Massnahme gegen die Langeweile der Soldaten, so unmotiviert und lasch gehen sie dabei zu Werke. Bei einer Pause beobachte ich aus dem Fenster, wie die beiden Jungen dem Busfahrer 100 Pesos geben und etwas mit ihm vereinbaren. Kurz vor dem Grenzuebergang schmeisst er sie dann hinaus, zweifellos werden sie versuchen ueber den Fluss nach Guatemala zu schwimmen. Ich gebe ihnen gute Chancen, so ausgestorben und eingeschlafen wie hier alles ist.
Im Grenzort sind die zahlreich herumlaufenden Schweine die agilsten. Es herrscht aber auch eine unertraegliche Hitze. Der Grenzbeamte laesst sich erstmal von einem kleinen Jungen vertreten, der uns erklaert, der Herr ‘oficial’ sei „beim Essen“. Matt harren wir seiner im Schatten.
Hier im Ort leben alle davon, den Ausreisenden ihre letzten Pesos aus der Tasche zu ziehen. So auch der Beamte. Unter fadenscheinigen Begruendungen leiert er uns 200 Pesos heraus. Bei der Wiedereinreise wird es zweifellos genauso sein. Nochmal 200 fuer die wilde und schoene Bootsfahrt auf die guatemaltekische Seite. Als eine Einheimische sieht, wieviel wir bezahlen, lacht sie uns unverhohlen aus. Dabei haben wir den Preis von 350 Pesos runtergedrueckt!
In Bethel, Guatemala, ist die Tristesse noch groesser als gegenueber, trotzdem sind die Leute hier irgendwie froehlicher. Hier nehmen wir den Bus, der uns in 5 Stunden Schotterpiste an den Lago Peten Itza bringen soll. Doch wir werden angenehm ueberrascht: anders als vor sieben Jahren ist die Strasse ab der Haelfte ploetzlich asphaltiert. Eine Wohltat fuer Kreuz und Ohren! So kommen wir nach zwoelf Stunden Reise verhaeltnismaessig entspannt an dem wunderschoenen, herrlich sauberen See an.

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27.03.2008

Man kennt es: grosse Kulturstaetten und aussergewoehnliche Naturschoenheit gehen einher mit Touristenandrang und der entsprechenden, sich stets gleichenden Infrastruktur. So dachten wir und wurden an den Lagos de Montebello eines Besseren belehrt. Auf 1500 Metern Hoehe liegt im Bergland von Chiapas der Nationalpark mit ueber 50 Seen, die in fast ebensovielen Farben schimmern, und bewahrt letzte Reste des nordamerikanischen Nebelwaldes. Ein Juwel – mitten im Nirgendwo. Um die schoenen Wanderungen zu den Mayaruinen von Chinkultic und im Nationalpark zu geniessen, mussten wir naemlich keine Touristenmengen erdulden, sondern fanden uns, aus dem „Microbus“ steigend, im Vakuum der baeuerlichen Einoede.
Auf der anderen Strassenseite sehen wir unsere Unterkunft – El Pino Feliz; und wahrlich, hier sind die Pinien noch gluecklich, wenn sie auch das Holz spenden mussten fuer die wenigen Haeuser, die es gibt. Von einem Ort kann man nicht sprechen, obwohl die vereinzelten Minihoefe, die an der Strasse liegen, unter dem Namen Hidalgo vereint sind. Die Esel und Pferde, die zu ihnen gehoeren, grasen in den Strassengraeben. Hier gibt es nichts ausser einer Tankstelle.

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Uns streift der Gedanke an ein Internetcafe und wir muessen lachen ueber seine Absurditaet.
Drueben in der Pino Feliz werden wir von vielen Hunden und noch mehr Huehnern und Truthaehnen in Empfang genommen. Die beiden kleinen Maedchen des Hauses sind genauso verwildert wie das Gefluegel. Die groessere bewundert ausfuehrlich und unbefangen den Inhalt unseres Gepaecks; meine silberne Kosmetiktasche hat es ihr besonders angetan. Aber auch bei einer Packung ihr wohl bekannter ‘chocolate’ fragt sie: „¿Que es eso?“ und als Johannes ihr einen grossen Taler schenkt, sagt sie: „¡Yo tengo una hermanita!“ – ich habe auch ein Schwesterchen.
Am Abend beim Essen in der Familienkueche lernen wir auch Jose kennen. Er ist hier der Chlorengel, der fuer Kost und Logis den Kampf mit den Duschen und WCs aufnimmt. Das erfahren wir aber erst spaeter, denn seine eigentliche Berufung sind Exkursionen in den Wald. Bis zu zehn Tage kann man mit ihm in der Wildnis verbringen und das Lager teilen mit Lacandon-Maya, die in den Waeldern den Spaniern entgangen sind und erst seit zwanzig Jahren Kontakt zur Aussenwelt haben. Johannes und ich lassen sie lieber in Ruhe, lassen uns aber natuerlich nicht eine Tagestour mit Jose entgehen. Auf dem Weg zum Parkeingang machen wir auf den ‘ejidos’ – dem gemeinschaftlich genutzten Land, das von der Regierung verteilt wurde – an jeder Ecke ein Plaeuschchen. Alle lachen uns freundlich mit ihren Goldzaehnen an. Wenn Jose uns vorstellt, „son amigos de Austria“, schauen sie gross. Er koennte genausogut sagen, „das sind unsere Freunde vom Mond“.
Er selbst war schon in Innsbruck und Wien, in der Schweiz, in Deutschland und Tschechien. Er haelt sehr auf Bildung und vor allem Umweltschutz und versucht seine Landsleute bei jeder Gelegenheit dafuer zu begeistern. Auf unserem Marsch durch den Wald zum Lago Tziscao begeistert er uns mit einer wahrhaft atemberaubenden Geschwindigkeit und den Hinweisen (natuerlich im Gehen!) auf die Pflanzenwelt. Hier wachsen nicht nur Pinien und Brombeeren, sondern auch Bromelien, die auf Baeumen aufsitzen, Agaven und wilde Orchideen, die gerade wegen der Kleinheit ihrer Blueten so schoen sind.
Als wir am See ankommen sind wir zwar erschoepft, aber trotzdem nicht zum Baden aufgelegt. Es ist ganz einfach zu kalt! Schliesslich sind es ja auch Bergseen und vielleicht ist gerade deshalb ausser uns niemand hier.

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Einer der Cinco Lagos im Nationalpark Montebello.

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