… so nannten ihn die Indigenas, den Berg, der vier Seiten hat. Heute heisst der Vulkan im Hochland von Veracruz ‘El Cofre’, weil sein Gipfel aussieht wie eine Kiste. Schon auf der Busfahrt nach Perote, wo wir unser „Basislager“ im schaebigen Hotel Esperanza aufschlagen, sehen wir ihn stolz und recht unnahbar vom Fenster aus. Ob und wie wir ihn erklimmen koennen wissen wir noch nicht so recht, denn Tourismus gibt es hier keinen und folglich auch ueberhaupt keine entsprechende Infrastruktur. Also hoeren wir uns in Perote auf dem Zocalo um. Hier herrscht ein angenehmes Hoehenklima und die Leute sind sehr freundlich und neugierig. Gringos bekommen sie nicht oft zu sehen. Bald finden wir auch den netten Carlos, der uns auf den Cofre fahren will. Es gibt naemlich eine mit grossen Steinen gepflasterte Strasse bis fast ganz oben. Der Gipfel ist mit Antennen bebaut und eine Treppe fuehrt die letzten 50 Meter hinauf. Das klingt fuer den Alpinisten unromantisch, doch der Berg ist alleine schon wegen der Aussicht, die er bietet, verlockend.
Als wir Carlos aber am naechsten Tag anrufen, klappt es nicht. Falsche Nummer. Also muessen wir uns auf eigene Faust auf den Weg machen. Es gibt einen Bus nach Conejo, das Dorf, das dem Berg am naechsten ist. Eine Stunde lang fahren wir mit etlichen Dorfbewohnern und ihren Stadteinkaeufen, die vor allem aus Cola und Eiern bestehen, dorthin. Hier gibt es viele, viele Schafe, Esel, Kartoffelfelder und sonst fast nichts. Wir sind die absolute Attraktion!
Um 8.30 Uhr gehen wir auf 3200 Metern – so hoch liegt Conejo! – los und haben 3,5 Stunden Weges, 1000 Hoehenmeter und sehr viel Sonne vor uns. Als haetten wir es geplant, wird uns jetzt sogar noch eine Mitfahrgelegenheit angeboten, von Arbeitern, die zu den Antennen fahren. Aber als ordentliche Alpenvereinsmitglieder schlagen wir sie natuerlich aus. Das sollen wir auch nicht bereuen, denn das Wandern in dieser Hoehe ist eine Erfahrung fuer sich und fuer uns beide soll der Cofre mit seinen 4282 Metern ein Hoehenrekord sein. Die letzten Schritte auf den Gipfel fuehlen sich an, als haette man Eisengewichte an den Beinen. Ich bin froh, dass es nicht ausgesetzt ist, denn mir ist recht schwindelig und unser beider Haende sind geschwollen wie Krapfen, so duenn ist die Luft und so dick das Blut hier oben. Die Jause schmeckt trotzdem und auch die Aussicht auf den verschneiten Pico de Orizaba, die Malinche und die herrliche Hochebene ueberhaupt ist eine Belohnung. Dann plaudern wir noch ein bisschen mit den Arbeitern, die uns offenbar fuer ziemlich verrueckt halten, weil wir zu Fuss hoch gekommen sind und auch wieder hinunter wollen. Auf den Abstieg haette ich tatsaechlich auch verzichten koennen; er zieht sich gewaltig und die Beine sind fuerchterlich schwer. Als wir aber nach insgesamt sieben Stunden bei Chips und Sprite wieder im Dorf sitzen und auf den Bus warten, steht fest: Es hat sich gelohnt!

Aussicht vom Cofre: Im Hintergrund der verschneite Pico de Orizaba,
mit 5700 Metern der hoechste Berg Mexikos









