Buchtipps


windupbirdEs gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die haben nichts mit unserer täglichen Arbeit, unserem Broterwerb oder unserer Stellung in der Gesellschaft zu tun. Das ist die eine klare Botschaft, die wir Murakamis herrlich unaufdringlichem Roman entnehmen können.

Rette sich, wer kann

Wenn du dein innerstes Selbst, man könnte es Seele nennen, retten willst, dann schmeiß erstmal alles hin, was nur Hülle ist: deinen Job, deine Anzüge. Zieh dir Turnschuhe an und erforsche in einem Brunnen die Tiefen der Welt. Genau das macht Murakamis Hauptfigur und jeder der sie begleitet, will es ihr nachmachen. Plötzlich ist das Leben offen für alles und nichts ist mehr banal. Nicht die Frühstückseier und nicht die Ehe.

Wahrheit statt Stumpfsinn

Nur indem Toru Okada alles aufgibt, was wir unter einem normalen Leben verstehen, indem er jegliche Angepasstheit an die Gesellschaft abstreift wie seine Anzüge, kann er die Wirklichkeit, das wahre Leben entdecken. Er dringt vor in eine andere Wirklichkeit, sei es eine höhere Bewusstseinsebene, sei es die Unterwelt, sei es die Fratze hinter der schlecht bemalten Kulisse unserer lächerlichen Welt – diese Frage beantwortet das Buch nicht. Es beantwortet viele Fragen nicht, aber es zeigt, wie einer, der das Ungewöhnliche wagt, sich selbst und seine Frau vor etwas „Bösem“ rettet. Dieses Böse verkörpert  Noboru Wataya in der vermeintlichen Realität, der Schwager von Toru.

Alles hängt zusammen

Wie Noboru Wataya besiegt wird, was all das mit der Ouverture zu Rossinis „Die diebische Elster“, mit Malta, mit dem japanischen Marionettenstaat Manchurei und mit einem Brunnen zu tun hat, das kann nur ahnen, wer das Buch liest. Wissen kann er es nicht. Nur so viel ist klar: Alles, wirklich alles, hängt zusammen.

Ein Buch, das soetwas schafft, macht Gänsehaut!

So hinterfragt Böddi H. Steingrímsson seine Mitmenschen, seine Umgebung, alles und jeden ausnahmslos und jederzeit. Er ist der Anti-Held in Hallgrímur Helgasons hochphilosophischem und trotzdem brennend modernem Roman „Rokland“. In seinem Kaff in Island fühlt er sich wie der einzig Lebende und Denkende unter lauter Konsum-Schafen, die zwar erfolgreich sind, aber wie die Roboter leben. Böddi hat dafür in Deutschland studiert, Philosophie, Literatur und die Kneipen. Er liebt Nietzsche, Hölderlin und die schöne Briefträgerin, die er für eine Göttin hält. Doch auch sie enttarnt sich irgendwann als Schaf: videosüchtig, schauspielergeil und dumm. So sind auch Böddis Schüler, die er als Literaturlehrer unterrichtet. Als er sie zu hartgesottenen Isländern umerziehen will, die die Naturschönheit ihres Landes kennen und die alte Poesie, mit der diese Natur allerorten verbunden ist, wird er gefeuert. Und von da an geht es bergab mit Böddi. Mit seinem Blog, auf dem er beißende Kritiken und ätzende Satiren veröffentlicht, will er seine Mitmenschen wachrütteln und gerät stattdessen immer mehr ins Abseits. Er kämpft gegen die Drogen unserer Gesellschaft: Fernsehen, Arbeit, Coca Cola, dicke Autos – und er bezahlt dafür mit seinem Verstand. Sein Kampf ist so hoffnungslos, dass er daran zerbricht. In einem verzweifelten Showdown reitet er wie ein moderner Don Quichote auf einem alten Kläpper in Richtung Hauptstadt, wo er eine Kulturrevolution anzetteln will. Überhaupt ist Helgasons oft schmerzhaft geistreicher Roman mit subtilen und schönen Reminiszenzen an die große Literatur voll. So füttert er etwa in seiner Not seinen Gaul mit Kartoffelchips , dem Junkfood, das er so hasst. Das eröffnet uns sanft die Erinnerung an das armselige Kalb aus Halldór Laxness’ „Am Gletscher“, das von Kuchen und Kaffee leben muss. Wahrscheinlich kein Zufall, denn – wie könnte es anders sein – Böddi liebt Halldór Laxness.

Dass Böddi am Ende scheitert ist klar, es muss so sein. Von Anfang an hatte er keine Chance. Dass dieses Scheitern für die Gesellschaft wie eine Bestätigung wirkt, ist das eigentlich Schlimme. In Wahrheit nämlich ist es ihr größtest Armutszeugnis: gerade die Helden, die klügsten, kritischsten, bestgesinnten unter uns gehen zugrunde. Gewinnen tun immer nur die Huren, die sich für und in den Medien prostituieren, für und in ihren dicken Schlitten. Ach, armer Böddi!