Teppiche können einem leid tun. Sie werden ständig ausverkauft. „Total-Absolut-Mega-Gnadenloser Räumungsverkauf“, das steht auf den Schaufenstern, hinter denen sie zusammengepfercht sind. Immer. Das ganze Jahr über und in jeder Stadt. Sie müssen sich vorkommen, wie alte Jungfern, die keiner mehr heiraten will. Sie werden einfach verramscht. Doch wenn ein Teppich einmal einen Besitzer gefunden hat, dann weicht er ihm nicht von der Seite. Teppiche sind wie Hunde, nur sterben sie nicht. Man wird sie nicht mehr los. Bei jedem Umzug rollt man sie zusammen und man nimmt sie mit. In ihren Fasern und Franzen und Falten bewahren sie Erinnerungen auf, meistens unliebsame.
Zum Beispiel den schwarzen Fleck vom Haarfärbemittel als man sechzehn war und nur schwarz trug und sich die Haare schwarz färbte. Oder kleine Glassplitter von der Wohnungstüre. Weil man sie einschlagen musste weil man seinen Schlüssel vergessen hatte und zu viel Champagner getrunken und kein Geld für den Schlüsseldienst und alleine zu Hause war. Die kleinsten Glassplitter bleiben gefangen, egal wie oft man saugt. Und der Blutfleck, weil man sich beim Einschlagen geschnitten hat.
Und jedesmal wenn man die Flecken sieht, dann denkt man an den schimpfenden Vater, der die schwarzen Haare hasste und den Teppich bezahlt hat und an die entsetzten Nachbarn, die vom Lärm wach geworden sind und sofort herausgeschossen kommen, um zu sehen, was da los ist. Aber wenn man auszieht, dann rollt man den Teppich ein und nimmt ihn mit und die Nachbarn bleiben zurück. Und solange man ihn nirgends wieder ausrollen kann, weiß man, dass man kein zu Hause hat.
Wenn der Teppich aber solange irgendwo gelegen hat, dass der Boden darunter heller ist, als drumherum, weiß man, dass man alt geworden ist. Wenn man darunter saugt, tut einem dann der Rücken weh. Irgendwann aber nicht mehr, weil man gestorben ist – wie die Hunde. Der Teppich aber bleibt liegen, bis die Entrümpelungsfirma kommt. Wenn sie ihn einrollt und mitnimmt, bleibt nur ein heller Fleck.
Aus der Feder geflossen
Oktober 12, 2008
Teppiche können einem leid tun
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Oktober 8, 2008
Berge sind klein
Posted by stefaniegrutsch under Aus der Feder geflossen | Schlagworte: berg, berge, klettern, texte |Leave a Comment
Wenn Karl klettert, ist der Berg klein. Dann ist er gerade so groß wie der nächste Griff, der er sucht. Er steht mit einer Zehe auf einer Kante im Kalk, so breit wie ein Grashalm . Seine Wade verkrampft immer mehr. Im Kopf singt die Angst, dass die Kante rausbricht, weil der Kalk teuflisch bröckelt. Der letzte Haken steckt fünf Meter unter ihm und lacht ihn aus. Ganz nah vor sich sieht Karl nur grau. So sieht der Berg aus: ein graues Quadrat, glatt. Je höher Karl über dem Haken ist, umso glatter. Manchmal krabbelt eine Spinne durchs Bild. Karl hasst diese Spinnen, die nicht nach dem nächsten Griff suchen müssen, aus Neid. Über das winzige „Schusternagele“, das mitten im Fels wächst, muss Karl fast lachen. Ein blauer Punkt im grauen Quadrat, er kann sich nicht erklären, woran es sich festhält. Er lacht auch nicht, dann würde er fallen. Fünf Meter plus fünf (wenn der Haken hält) plus die Seildehnung und am Ende klatscht er gegen den Fels. Das gäbe einen roten Fleck im Quadrat. Stattdessen starrt er weiter ins Graue, sucht Griffe. Er sieht nur die, die groß genug sein könnten, zumindest für zwei Finger. Aber wenn die Augen Hoffnung schöpfen, merkt die Hand gleich: „Gar nicht dran zu denken. Vergiss es.“ Also macht er die Augen zu und lässt die Hand alleine suchen. So sieht der Berg aus: Warm, rau, mit Schüppchen wie Messerklingen, Knubbeln wie Perlen, Löchern wie Pistazienschalen – schön und klein.