Teppiche können einem leid tun. Sie werden ständig ausverkauft. „Total-Absolut-Mega-Gnadenloser Räumungsverkauf“, das steht auf den Schaufenstern, hinter denen sie zusammengepfercht sind. Immer. Das ganze Jahr über und in jeder Stadt. Sie müssen sich vorkommen, wie alte Jungfern, die keiner mehr heiraten will. Sie werden einfach verramscht. Doch wenn ein Teppich einmal einen Besitzer gefunden hat, dann weicht er ihm nicht von der Seite. Teppiche sind wie Hunde, nur sterben sie nicht. Man wird sie nicht mehr los. Bei jedem Umzug rollt man sie zusammen und man nimmt sie mit. In ihren Fasern und Franzen und Falten bewahren sie Erinnerungen auf, meistens unliebsame.
Zum Beispiel den schwarzen Fleck vom Haarfärbemittel als man sechzehn war und nur schwarz trug und sich die Haare schwarz färbte. Oder kleine Glassplitter von der Wohnungstüre. Weil man sie einschlagen musste weil man seinen Schlüssel vergessen hatte und zu viel Champagner getrunken und kein Geld für den Schlüsseldienst und alleine zu Hause war. Die kleinsten Glassplitter bleiben gefangen, egal wie oft man saugt. Und der Blutfleck, weil man sich beim Einschlagen geschnitten hat.
Und jedesmal wenn man die Flecken sieht, dann denkt man an den schimpfenden Vater, der die schwarzen Haare hasste und den Teppich bezahlt hat und an die entsetzten Nachbarn, die vom Lärm wach geworden sind und sofort herausgeschossen kommen, um zu sehen, was da los ist. Aber wenn man auszieht, dann rollt man den Teppich ein und nimmt ihn mit und die Nachbarn bleiben zurück. Und solange man ihn nirgends wieder ausrollen kann, weiß man, dass man kein zu Hause hat.
Wenn der Teppich aber solange irgendwo gelegen hat, dass der Boden darunter heller ist, als drumherum, weiß man, dass man alt geworden ist. Wenn man darunter saugt, tut einem dann der Rücken weh. Irgendwann aber nicht mehr, weil man gestorben ist – wie die Hunde. Der Teppich aber bleibt liegen, bis die Entrümpelungsfirma kommt. Wenn sie ihn einrollt und mitnimmt, bleibt nur ein heller Fleck.