Wenn Karl klettert, ist der Berg klein. Dann ist er gerade so groß wie der nächste Griff, der er sucht. Er steht mit einer Zehe auf einer Kante im Kalk, so breit wie ein Grashalm . Seine Wade verkrampft immer mehr. Im Kopf singt die Angst, dass die Kante rausbricht, weil der Kalk teuflisch bröckelt. Der letzte Haken steckt fünf Meter unter ihm und lacht ihn aus. Ganz nah vor sich sieht Karl nur grau. So sieht der Berg aus: ein graues Quadrat, glatt. Je höher Karl über dem Haken ist, umso glatter. Manchmal krabbelt eine Spinne durchs Bild. Karl hasst diese Spinnen, die nicht nach dem nächsten Griff suchen müssen, aus Neid. Über das winzige „Schusternagele“, das mitten im Fels wächst, muss Karl fast lachen. Ein blauer Punkt im grauen Quadrat, er kann sich nicht erklären, woran es sich festhält. Er lacht auch nicht, dann würde er fallen. Fünf Meter plus fünf (wenn der Haken hält) plus die Seildehnung und am Ende klatscht er gegen den Fels. Das gäbe einen roten Fleck im Quadrat. Stattdessen starrt er weiter ins Graue, sucht Griffe. Er sieht nur die, die groß genug sein könnten, zumindest für zwei Finger. Aber wenn die Augen Hoffnung schöpfen, merkt die Hand gleich: „Gar nicht dran zu denken. Vergiss es.“ Also macht er die Augen zu und lässt die Hand alleine suchen. So sieht der Berg aus: Warm, rau, mit Schüppchen wie Messerklingen, Knubbeln wie Perlen, Löchern wie Pistazienschalen – schön und klein.