So hinterfragt Böddi H. Steingrímsson seine Mitmenschen, seine Umgebung, alles und jeden ausnahmslos und jederzeit. Er ist der Anti-Held in Hallgrímur Helgasons hochphilosophischem und trotzdem brennend modernem Roman „Rokland“. In seinem Kaff in Island fühlt er sich wie der einzig Lebende und Denkende unter lauter Konsum-Schafen, die zwar erfolgreich sind, aber wie die Roboter leben. Böddi hat dafür in Deutschland studiert, Philosophie, Literatur und die Kneipen. Er liebt Nietzsche, Hölderlin und die schöne Briefträgerin, die er für eine Göttin hält. Doch auch sie enttarnt sich irgendwann als Schaf: videosüchtig, schauspielergeil und dumm. So sind auch Böddis Schüler, die er als Literaturlehrer unterrichtet. Als er sie zu hartgesottenen Isländern umerziehen will, die die Naturschönheit ihres Landes kennen und die alte Poesie, mit der diese Natur allerorten verbunden ist, wird er gefeuert. Und von da an geht es bergab mit Böddi. Mit seinem Blog, auf dem er beißende Kritiken und ätzende Satiren veröffentlicht, will er seine Mitmenschen wachrütteln und gerät stattdessen immer mehr ins Abseits. Er kämpft gegen die Drogen unserer Gesellschaft: Fernsehen, Arbeit, Coca Cola, dicke Autos – und er bezahlt dafür mit seinem Verstand. Sein Kampf ist so hoffnungslos, dass er daran zerbricht. In einem verzweifelten Showdown reitet er wie ein moderner Don Quichote auf einem alten Kläpper in Richtung Hauptstadt, wo er eine Kulturrevolution anzetteln will. Überhaupt ist Helgasons oft schmerzhaft geistreicher Roman mit subtilen und schönen Reminiszenzen an die große Literatur voll. So füttert er etwa in seiner Not seinen Gaul mit Kartoffelchips , dem Junkfood, das er so hasst. Das eröffnet uns sanft die Erinnerung an das armselige Kalb aus Halldór Laxness’ „Am Gletscher“, das von Kuchen und Kaffee leben muss. Wahrscheinlich kein Zufall, denn – wie könnte es anders sein – Böddi liebt Halldór Laxness.
Dass Böddi am Ende scheitert ist klar, es muss so sein. Von Anfang an hatte er keine Chance. Dass dieses Scheitern für die Gesellschaft wie eine Bestätigung wirkt, ist das eigentlich Schlimme. In Wahrheit nämlich ist es ihr größtest Armutszeugnis: gerade die Helden, die klügsten, kritischsten, bestgesinnten unter uns gehen zugrunde. Gewinnen tun immer nur die Huren, die sich für und in den Medien prostituieren, für und in ihren dicken Schlitten. Ach, armer Böddi!