Am 4. November 2008 hätte Hillary der amerikanischen Women’s Liberation die Krone aufsetzen können. Die seit jeher etablierte Macht-Ästhetik wäre ein für allemal durchbrochen gewesen. Die Herrschaft der schwarzen Anzüge und Seidenkrawatten zumindest angekratzt. Millionen von Frauen und Mädchen hätten auf den Bildschirmen in aller Welt gesehen, dass es für sie keine Grenzen mehr gibt.
Doch das Rennen ist gelaufen. Seit gestern steht fest, dass nicht Hillary Clinton, die Favoritin, der Profi, für die Demokraten um den vakanten Posten eines amerikanischen Präsidenten kämpfen wird, sondern ihr Konkurrent, der Newcomer Barack Obama. Neben aller Strategieanalyse drängt sich jetzt eine entscheidende Frage auf: Ist Hillarys Niederlage auch eine Niederlage der Emanzipation? Natürlich spielen viele Faktoren zusammen, natürlich ist Obama charismatisch und hat Clintons Wahlkampfteam Fehler gemacht, doch all das versperrt den Blick auf’s Prinzipielle: eine Frau stößt sich wiedermal an einer unsichtbaren Glasdecke. Diesmal ist es die höchste der Welt.
Barack Obama hat mit seinem Wahlspruch „Yes we can“ die Massen verzaubert und versprochen, was seine Gegnerin hätte halten können: „Change“. Denn allein die Tatsache, dass eine Frau der mächtigste Mann der Welt geworden wäre, wäre eine historische Veränderung gewesen. Jeder hat das gewusst und man muss es Hillary Clinton zugutehalten, dass sie ihren Wahlkampf nicht darauf aufgebaut hat. Dasselbe lässt sich über Obama sagen, der die vielbeschworene „Rassenkarte“ wahrlich nicht aktiv ausspielt. Doch es ist nun einmal so, dass Obama immer noch ähnlicher aussieht, wie jeder bisherige Präsident der Vereinigten Staaten, als Hillary Clinton es tut. In dieser Hinsicht scheinen die Amerikaner nicht auf den „Change“ erpicht zu sein, den Obama unermüdlich aber auch wenig konkret beschwört. Dabei wird gerade er, der Aufsteiger, auf bestehende Strukturen und das heißt nunmal auf die Männerbünde besonders angewiesen sein.
Hillary mag der obersten Hürde, der dicksten aller Glasdecken und der gleichzeitig symbolischsten 18 Millionen Risse versetzt haben, aber durchbrochen hat sie sie nicht. Genau daran krankt unser postfeministisches Zeitalter: die jüngeren Frauen haben das Gefühl, dass ohnehin alles erreicht sei. Aber das ist es nicht, oder zumindest nur theoretisch. Doch dass das theoretisch Mögliche nie passiert, scheint keinem aufzufallen. Hillary Clinton hätte den historischen Schritt von diesem theoretischen Feminismus nach dem laxen Motto „Wir könnten ja, wenn wir wollten“ hin zur gelebten Gleichberechtigung gehen können, indem sie das Recht auf das Amt des mächtigsten Mannes der Welt eingefordert hätte. Ein Mann hat das verhindert – wieder einmal. Der jüngere, charismatischere, gut aussehende, dem die Frauenherzen zufliegen, während bei der toughen Mrs. Clinton höchstens die Männerknie zittern. Und schließlich konnte man ja auch nicht nur für sie wählen, weil sie eine Frau ist. Dabei hätte man das gar nicht gemusst. Noch zu Beginn des Wahlkampfs stand die Qualifikation der Senatorin außer Frage. Doch um nur nicht in den Ruch eines Frauen-Bonusses zu geraten, hat sich Hillary Clinton in ihren Reden vor der Frauenfrage versteckt, nur um schließlich doch an ihr zu scheitern.
Erst in der Rede, in der sie ihre Niederlage eingestand, hat sie es wieder gewagt, ihren Kampf als den aller Frauen darzustellen, aber da war es schon zu spät.
Juni 17, 2008
No we can’t. Der mächtigste Mann der Welt – wieder keine Frau
Posted by stefaniegrutsch under Wort zum Alltag | Schlagworte: barack obama, emanzipation, feminismus, hillary clinton, kommentar, usa, wahlkampf |1 Comment
Juni 17, 2008 at 9:13
Vielleicht liegt die Sache auch anders: Hillary macht auf mich einen wesentlich maskulineren Eindruck als Obama. Vielleicht zieht mit Obama ja doch erstmals ein Präsidentschaft mit femininen Zügen ins Weiße Haus ein. Ein Sieg des Feminismus? Wahre Emanzipation?