windupbirdEs gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die haben nichts mit unserer täglichen Arbeit, unserem Broterwerb oder unserer Stellung in der Gesellschaft zu tun. Das ist die eine klare Botschaft, die wir Murakamis herrlich unaufdringlichem Roman entnehmen können.

Rette sich, wer kann

Wenn du dein innerstes Selbst, man könnte es Seele nennen, retten willst, dann schmeiß erstmal alles hin, was nur Hülle ist: deinen Job, deine Anzüge. Zieh dir Turnschuhe an und erforsche in einem Brunnen die Tiefen der Welt. Genau das macht Murakamis Hauptfigur und jeder der sie begleitet, will es ihr nachmachen. Plötzlich ist das Leben offen für alles und nichts ist mehr banal. Nicht die Frühstückseier und nicht die Ehe.

Wahrheit statt Stumpfsinn

Nur indem Toru Okada alles aufgibt, was wir unter einem normalen Leben verstehen, indem er jegliche Angepasstheit an die Gesellschaft abstreift wie seine Anzüge, kann er die Wirklichkeit, das wahre Leben entdecken. Er dringt vor in eine andere Wirklichkeit, sei es eine höhere Bewusstseinsebene, sei es die Unterwelt, sei es die Fratze hinter der schlecht bemalten Kulisse unserer lächerlichen Welt – diese Frage beantwortet das Buch nicht. Es beantwortet viele Fragen nicht, aber es zeigt, wie einer, der das Ungewöhnliche wagt, sich selbst und seine Frau vor etwas “Bösem” rettet. Dieses Böse verkörpert  Noboru Wataya in der vermeintlichen Realität, der Schwager von Toru.

Alles hängt zusammen

Wie Noboru Wataya besiegt wird, was all das mit der Ouverture zu Rossinis “Die diebische Elster”, mit Malta, mit dem japanischen Marionettenstaat Manchurei und mit einem Brunnen zu tun hat, das kann nur ahnen, wer das Buch liest. Wissen kann er es nicht. Nur so viel ist klar: Alles, wirklich alles, hängt zusammen.

Ein Buch, das soetwas schafft, macht Gänsehaut!

Da hat es BUMM gemacht in Österreich. Was ist passiert? Der Haider ist tot!
Als ich diesen Satz gestern gerufen habe, da konnte ich es selbst nicht glauben. Den Haider gab es schon immer, seit ich denken kann. In der Pubertät war man auf den Anti-FPÖ-Demos, die eigentlich Anti-Haider-Demos waren. Und seit man ein politisches Gewissen hat, hat man sich an ihm gerieben und jetzt ist er einfach tot. Und man muss die Nachrufe über sich ergehen lassen: Ja, ja, ein böser Bube war er schon, AAAAAAAAAAber, natürlich, aber ein Könner war er auch. Gähn und kotz.

Feridan Zaimoglu sagt heute im Standard-Interview, das natürlich vor Haiders Tod geführt wurde: “Bislang haben sich die Rechtsnationalen immer selber zerlegt…”. Sprachs und bekam Recht.

Teppiche können einem leid tun. Sie werden ständig ausverkauft. „Total-Absolut-Mega-Gnadenloser Räumungsverkauf“, das steht auf den Schaufenstern, hinter denen sie zusammengepfercht sind. Immer. Das ganze Jahr über und in jeder Stadt. Sie müssen sich vorkommen, wie alte Jungfern, die keiner mehr heiraten will. Sie werden einfach verramscht. Doch wenn ein Teppich einmal einen Besitzer gefunden hat, dann weicht er ihm nicht von der Seite. Teppiche sind wie Hunde, nur sterben sie nicht. Man wird sie nicht mehr los. Bei jedem Umzug rollt man sie zusammen und man nimmt sie mit. In ihren Fasern und Franzen und Falten bewahren sie Erinnerungen auf, meistens unliebsame.
Zum Beispiel den schwarzen Fleck vom Haarfärbemittel als man sechzehn war und nur schwarz trug und sich die Haare schwarz färbte. Oder kleine Glassplitter von der Wohnungstüre. Weil man sie einschlagen musste weil man seinen Schlüssel vergessen hatte und zu viel Champagner getrunken und kein Geld für den Schlüsseldienst und alleine zu Hause war. Die kleinsten Glassplitter bleiben gefangen, egal wie oft man saugt. Und der Blutfleck, weil man sich beim Einschlagen geschnitten hat.
Und jedesmal wenn man die Flecken sieht, dann denkt man an den schimpfenden Vater, der die schwarzen Haare hasste und den Teppich bezahlt hat und an die entsetzten Nachbarn, die vom Lärm wach geworden sind und sofort herausgeschossen kommen, um zu sehen, was da los ist. Aber wenn man auszieht, dann rollt man den Teppich ein und nimmt ihn mit und die Nachbarn bleiben zurück. Und solange man ihn nirgends wieder ausrollen kann, weiß man, dass man kein zu Hause hat.
Wenn der Teppich aber solange irgendwo gelegen hat, dass der Boden darunter heller ist, als drumherum, weiß man, dass man alt geworden ist. Wenn man darunter saugt, tut einem dann der Rücken weh. Irgendwann aber nicht mehr, weil man gestorben ist – wie die Hunde. Der Teppich aber bleibt liegen, bis die Entrümpelungsfirma kommt. Wenn sie ihn einrollt und mitnimmt, bleibt nur ein heller Fleck.

Wenn Karl klettert, ist der Berg klein. Dann ist er gerade so groß wie der nächste Griff, der er sucht. Er steht mit einer Zehe auf einer Kante im Kalk, so breit wie ein Grashalm . Seine Wade verkrampft immer mehr. Im Kopf singt die Angst, dass die Kante rausbricht, weil der Kalk teuflisch bröckelt. Der letzte Haken steckt fünf Meter unter ihm und lacht ihn aus. Ganz nah vor sich sieht Karl nur grau. So sieht der Berg aus: ein graues Quadrat, glatt. Je höher Karl über dem Haken ist, umso glatter. Manchmal krabbelt eine Spinne durchs Bild. Karl hasst diese Spinnen, die nicht nach dem nächsten Griff suchen müssen, aus Neid. Über das winzige “Schusternagele”, das mitten im Fels wächst, muss Karl fast lachen. Ein blauer Punkt im grauen Quadrat, er kann sich nicht erklären, woran es sich festhält. Er lacht auch nicht, dann würde er fallen. Fünf Meter plus fünf (wenn der Haken hält) plus die Seildehnung und am Ende klatscht er gegen den Fels. Das gäbe einen roten Fleck im Quadrat. Stattdessen starrt er weiter ins Graue, sucht Griffe. Er sieht nur die, die groß genug sein könnten, zumindest für zwei Finger. Aber wenn die Augen Hoffnung schöpfen, merkt die Hand gleich: “Gar nicht dran zu denken. Vergiss es.” Also macht er die Augen zu und lässt die Hand alleine suchen. So sieht der Berg aus: Warm, rau, mit Schüppchen wie Messerklingen, Knubbeln wie Perlen, Löchern wie Pistazienschalen – schön und klein.

So hinterfragt Böddi H. Steingrímsson seine Mitmenschen, seine Umgebung, alles und jeden ausnahmslos und jederzeit. Er ist der Anti-Held in Hallgrímur Helgasons hochphilosophischem und trotzdem brennend modernem Roman “Rokland”. In seinem Kaff in Island fühlt er sich wie der einzig Lebende und Denkende unter lauter Konsum-Schafen, die zwar erfolgreich sind, aber wie die Roboter leben. Böddi hat dafür in Deutschland studiert, Philosophie, Literatur und die Kneipen. Er liebt Nietzsche, Hölderlin und die schöne Briefträgerin, die er für eine Göttin hält. Doch auch sie enttarnt sich irgendwann als Schaf: videosüchtig, schauspielergeil und dumm. So sind auch Böddis Schüler, die er als Literaturlehrer unterrichtet. Als er sie zu hartgesottenen Isländern umerziehen will, die die Naturschönheit ihres Landes kennen und die alte Poesie, mit der diese Natur allerorten verbunden ist, wird er gefeuert. Und von da an geht es bergab mit Böddi. Mit seinem Blog, auf dem er beißende Kritiken und ätzende Satiren veröffentlicht, will er seine Mitmenschen wachrütteln und gerät stattdessen immer mehr ins Abseits. Er kämpft gegen die Drogen unserer Gesellschaft: Fernsehen, Arbeit, Coca Cola, dicke Autos – und er bezahlt dafür mit seinem Verstand. Sein Kampf ist so hoffnungslos, dass er daran zerbricht. In einem verzweifelten Showdown reitet er wie ein moderner Don Quichote auf einem alten Kläpper in Richtung Hauptstadt, wo er eine Kulturrevolution anzetteln will. Überhaupt ist Helgasons oft schmerzhaft geistreicher Roman mit subtilen und schönen Reminiszenzen an die große Literatur voll. So füttert er etwa in seiner Not seinen Gaul mit Kartoffelchips , dem Junkfood, das er so hasst. Das eröffnet uns sanft die Erinnerung an das armselige Kalb aus Halldór Laxness’ “Am Gletscher”, das von Kuchen und Kaffee leben muss. Wahrscheinlich kein Zufall, denn – wie könnte es anders sein – Böddi liebt Halldór Laxness.

Dass Böddi am Ende scheitert ist klar, es muss so sein. Von Anfang an hatte er keine Chance. Dass dieses Scheitern für die Gesellschaft wie eine Bestätigung wirkt, ist das eigentlich Schlimme. In Wahrheit nämlich ist es ihr größtest Armutszeugnis: gerade die Helden, die klügsten, kritischsten, bestgesinnten unter uns gehen zugrunde. Gewinnen tun immer nur die Huren, die sich für und in den Medien prostituieren, für und in ihren dicken Schlitten. Ach, armer Böddi!

Es hatte ja so kommen müssen und trotzdem, irgendwie will man es nicht glauben. Wilhelm Molterer verkündet heute das Ende der Regierungskoalition in Österreich. Gesundheitsreform geplatzt, Koalitionspartner in der Krise, vor der Welt und der EU blamiert. Das schon. Aber, wie schon Präsident Fischer versucht hat, den Akteuren dieses Kasperltheaters, das sich österreichische Regierung nennt, klarzumachen: Eine Regierung ist zum regieren da – und nicht, um sich immer wieder aufzulösen. Offenbar kann es aber die ÖVP nicht anders. Klar, wenn man ganz alleine die Macht hätte dann, ja dann… Neuer Wahlkampf, neues Glück. Vielleicht kann man sie ja diesmal an sich reißen, die Alleinherrschaft. Molterer als Neuauflage von Schüssel. Die kleinen Giftzwerge herrschen über das kleine Land. Nichteinmal jetzt, wo die SPÖ und Gusenbauer alles, aber auch alles, was sie angepackt haben, falsch gemacht haben, scheint das wahrscheinlich. Profitieren werden stattdessen wiedermal die Neo-Austrofaschisten unter Straches Führung. Wie tragisch das für ein Land ist, lässt sich ermessen, wenn man sich den Wahlkampf von 2006 in Erinnerung ruft: Straches Rap hat damals das ganze Ausmaß der politischen Unkultur, die hierzulande herrscht, offenbart. Das war und ist niedrigstes Niveau. Ein Verhalten, das jedem Politiker in jedem anderen Land das Genick brechen würde – und zwar ganz einfach weil es so peinlich ist.

Auf solche und vermutlich schlimmere Peinlichkeiten können wir uns nun wieder einstellen. Es gibt wieder Wahlkampf, denn etwas anderes können die österreichischen Parteien nicht. Schon heute hat die ÖVP angefangen, ihre Themen zu verkünden, ganz so, als wäre sie nie in dieser Regierung, die noch bis vor ein paar Stunden bestanden hatte, gewesen. Ich fühle mich stark erinnert an Österreichs Lieblingsclown, der nach jedem Auftritt schrie: “Ich komme wieder.” Von ihm müssen die großen Parteien ihre Taktik haben: wir bilden Regierungen, egal, ob wir mehrheitlich gewählt wurden oder nicht, führen unser drittklassiges Theater auf, beenden die Regierungen, machen Neuwahlen und – kommen wieder. Immer wieder. Rot, Schwarz, Blau – ein Karussel der Unsinnigkeiten und Tatenlosigkeit.

Dass dieses Land in der Welt und der Europäischen Gemeinschaft noch ernst genommen wird kann nur einen Grund haben: Keiner schaut sich das Kasperltheater an. Nur wir Österreicher sind an unsere Stühle gekettet, erste Reihe fußfrei und haben die Wahl zwischen Stumpfsinn und Scham.

Am 4. November 2008 hätte Hillary der amerikanischen Women’s Liberation die Krone aufsetzen können. Die seit jeher etablierte Macht-Ästhetik wäre ein für allemal durchbrochen gewesen. Die Herrschaft der schwarzen Anzüge und Seidenkrawatten zumindest angekratzt. Millionen von Frauen und Mädchen hätten auf den Bildschirmen in aller Welt gesehen, dass es für sie keine Grenzen mehr gibt.
Doch das Rennen ist gelaufen. Seit gestern steht fest, dass nicht Hillary Clinton, die Favoritin, der Profi, für die Demokraten um den vakanten Posten eines amerikanischen Präsidenten kämpfen wird, sondern ihr Konkurrent, der Newcomer Barack Obama. Neben aller Strategieanalyse drängt sich jetzt eine entscheidende Frage auf: Ist Hillarys Niederlage auch eine Niederlage der Emanzipation? Natürlich spielen viele Faktoren zusammen, natürlich ist Obama charismatisch und hat Clintons Wahlkampfteam Fehler gemacht, doch all das versperrt den Blick auf’s Prinzipielle: eine Frau stößt sich wiedermal an einer unsichtbaren Glasdecke. Diesmal ist es die höchste der Welt.
Barack Obama hat mit seinem Wahlspruch „Yes we can“ die Massen verzaubert und versprochen, was seine Gegnerin hätte halten können: „Change“. Denn allein die Tatsache, dass eine Frau der mächtigste Mann der Welt geworden wäre, wäre eine historische Veränderung gewesen. Jeder hat das gewusst und man muss es Hillary Clinton zugutehalten, dass sie ihren Wahlkampf nicht darauf aufgebaut hat. Dasselbe lässt sich über Obama sagen, der die vielbeschworene „Rassenkarte“ wahrlich nicht aktiv ausspielt. Doch es ist nun einmal so, dass Obama immer noch ähnlicher aussieht, wie jeder bisherige Präsident der Vereinigten Staaten, als Hillary Clinton es tut. In dieser Hinsicht scheinen die Amerikaner nicht auf den „Change“ erpicht zu sein, den Obama unermüdlich aber auch wenig konkret beschwört. Dabei wird gerade er, der Aufsteiger, auf bestehende Strukturen und das heißt nunmal auf die Männerbünde besonders angewiesen sein.
Hillary mag der obersten Hürde, der dicksten aller Glasdecken und der gleichzeitig symbolischsten 18 Millionen Risse versetzt haben, aber durchbrochen hat sie sie nicht. Genau daran krankt unser postfeministisches Zeitalter: die jüngeren Frauen haben das Gefühl, dass ohnehin alles erreicht sei. Aber das ist es nicht, oder zumindest nur theoretisch. Doch dass das theoretisch Mögliche nie passiert, scheint keinem aufzufallen. Hillary Clinton hätte den historischen Schritt von diesem theoretischen Feminismus nach dem laxen Motto „Wir könnten ja, wenn wir wollten“ hin zur gelebten Gleichberechtigung gehen können, indem sie das Recht auf das Amt des mächtigsten Mannes der Welt eingefordert hätte. Ein Mann hat das verhindert – wieder einmal. Der jüngere, charismatischere, gut aussehende, dem die Frauenherzen zufliegen, während bei der toughen Mrs. Clinton höchstens die Männerknie zittern. Und schließlich konnte man ja auch nicht nur für sie wählen, weil sie eine Frau ist. Dabei hätte man das gar nicht gemusst. Noch zu Beginn des Wahlkampfs stand die Qualifikation der Senatorin außer Frage. Doch um nur nicht in den Ruch eines Frauen-Bonusses zu geraten, hat sich Hillary Clinton in ihren Reden vor der Frauenfrage versteckt, nur um schließlich doch an ihr zu scheitern.
Erst in der Rede, in der sie ihre Niederlage eingestand, hat sie es wieder gewagt, ihren Kampf als den aller Frauen darzustellen, aber da war es schon zu spät.

Vor Beginn dieser Reise hätte ich niemals gedacht, dass ich mich nach zwei Monaten nicht auf den Heimflug freuen würde. Aber nach all den wunderschönen Erlebnissen und dank der herrlich legeren und unaufgeregten Lebensart der Mexikaner war es so. Schon drei Tage vor der Abreise konnte ich mich gegen ein mulmiges Gefühl im Bauch und zeitweilige schlechte Laune nicht erwehren.
An alle, die in diesem Blog unsere Reise mitverfolgt haben und auch traurig sind, dass sie zu Ende ist, möchte ich an dieser Stelle ein Dankeschön schicken und das Versprechen abgeben, dass wir nicht zum letzten Mal in Mexiko waren!

Wem die Bilder im Blog besonders gefallen haben, der sei nocheinmal auf die Webseite des Fotografen verwiesen, der Land und Leuten so liebevoll mit seiner Kamera “die Seele geraubt” hat:

www.johannesplattner.com

… so nannten ihn die Indigenas, den Berg, der vier Seiten hat. Heute heisst der Vulkan im Hochland von Veracruz ‘El Cofre’, weil sein Gipfel aussieht wie eine Kiste. Schon auf der Busfahrt nach Perote, wo wir unser “Basislager” im schaebigen Hotel Esperanza aufschlagen, sehen wir ihn stolz und recht unnahbar vom Fenster aus. Ob und wie wir ihn erklimmen koennen wissen wir noch nicht so recht, denn Tourismus gibt es hier keinen und folglich auch ueberhaupt keine entsprechende Infrastruktur. Also hoeren wir uns in Perote auf dem Zocalo um. Hier herrscht ein angenehmes Hoehenklima und die Leute sind sehr freundlich und neugierig. Gringos bekommen sie nicht oft zu sehen. Bald finden wir auch den netten Carlos, der uns auf den Cofre fahren will. Es gibt naemlich eine mit grossen Steinen gepflasterte Strasse bis fast ganz oben. Der Gipfel ist mit Antennen bebaut und eine Treppe fuehrt die letzten 50 Meter hinauf. Das klingt fuer den Alpinisten unromantisch, doch der Berg ist alleine schon wegen der Aussicht, die er bietet, verlockend.
Als wir Carlos aber am naechsten Tag anrufen, klappt es nicht. Falsche Nummer. Also muessen wir uns auf eigene Faust auf den Weg machen. Es gibt einen Bus nach Conejo, das Dorf, das dem Berg am naechsten ist. Eine Stunde lang fahren wir mit etlichen Dorfbewohnern und ihren Stadteinkaeufen, die vor allem aus Cola und Eiern bestehen, dorthin. Hier gibt es viele, viele Schafe, Esel, Kartoffelfelder und sonst fast nichts. Wir sind die absolute Attraktion!
Um 8.30 Uhr gehen wir auf 3200 Metern – so hoch liegt Conejo! – los und haben 3,5 Stunden Weges, 1000 Hoehenmeter und sehr viel Sonne vor uns. Als haetten wir es geplant, wird uns jetzt sogar noch eine Mitfahrgelegenheit angeboten, von Arbeitern, die zu den Antennen fahren. Aber als ordentliche Alpenvereinsmitglieder schlagen wir sie natuerlich aus. Das sollen wir auch nicht bereuen, denn das Wandern in dieser Hoehe ist eine Erfahrung fuer sich und fuer uns beide soll der Cofre mit seinen 4282 Metern ein Hoehenrekord sein. Die letzten Schritte auf den Gipfel fuehlen sich an, als haette man Eisengewichte an den Beinen. Ich bin froh, dass es nicht ausgesetzt ist, denn mir ist recht schwindelig und unser beider Haende sind geschwollen wie Krapfen, so duenn ist die Luft und so dick das Blut hier oben. Die Jause schmeckt trotzdem und auch die Aussicht auf den verschneiten Pico de Orizaba, die Malinche und die herrliche Hochebene ueberhaupt ist eine Belohnung. Dann plaudern wir noch ein bisschen mit den Arbeitern, die uns offenbar fuer ziemlich verrueckt halten, weil wir zu Fuss hoch gekommen sind und auch wieder hinunter wollen. Auf den Abstieg haette ich tatsaechlich auch verzichten koennen; er zieht sich gewaltig und die Beine sind fuerchterlich schwer. Als wir aber nach insgesamt sieben Stunden bei Chips und Sprite wieder im Dorf sitzen und auf den Bus warten, steht fest: Es hat sich gelohnt!


Aussicht vom Cofre: Im Hintergrund der verschneite Pico de Orizaba,
mit 5700 Metern der hoechste Berg Mexikos

17.04.2008

Als haette der Lago Catemaco nicht schon genug zu bieten gehabt, auch noch das: von Catemaco aus laesst sich mit einer wilden, staubigen und sehr, sehr engen Fahrt im offenen Colectivo La Barra erreichen. Ein Sandstrand am Ende der Welt, lang, sauber, menschenleer. Der Golf von Mexiko ist hier glasklar und seicht und flach geht es weit ins wunderschoen wellige Wasser. Schoener als hier kann man nicht baden.
Wer so wie wir ueberlegt, ob sich die Reise lohnt, dem sei versichert, dass es so ist! Ausserdem ist das hier “Rural” genannte Colectivo Nr. 23 ein Erlebnis fuer sich. Landschoenheiten mit hohen Kampfgewichtern bevoelkern in erstaunlicher Anzahl die Ladeflaeche, duesen von Ortschaft zu Ortschaft, kaufen unterwegs Tortilla ein, tratschen sich die Kehlen heiser, kennen alle den Fahrer beim Namen und schimpfen ihn aus, wenn er ein paar Meter zu weit faehrt, die sie nicht zuruecklaufen wollen, bis er zuruecksetzen muss.

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