Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die haben nichts mit unserer täglichen Arbeit, unserem Broterwerb oder unserer Stellung in der Gesellschaft zu tun. Das ist die eine klare Botschaft, die wir Murakamis herrlich unaufdringlichem Roman entnehmen können.
Rette sich, wer kann
Wenn du dein innerstes Selbst, man könnte es Seele nennen, retten willst, dann schmeiß erstmal alles hin, was nur Hülle ist: deinen Job, deine Anzüge. Zieh dir Turnschuhe an und erforsche in einem Brunnen die Tiefen der Welt. Genau das macht Murakamis Hauptfigur und jeder der sie begleitet, will es ihr nachmachen. Plötzlich ist das Leben offen für alles und nichts ist mehr banal. Nicht die Frühstückseier und nicht die Ehe.
Wahrheit statt Stumpfsinn
Nur indem Toru Okada alles aufgibt, was wir unter einem normalen Leben verstehen, indem er jegliche Angepasstheit an die Gesellschaft abstreift wie seine Anzüge, kann er die Wirklichkeit, das wahre Leben entdecken. Er dringt vor in eine andere Wirklichkeit, sei es eine höhere Bewusstseinsebene, sei es die Unterwelt, sei es die Fratze hinter der schlecht bemalten Kulisse unserer lächerlichen Welt – diese Frage beantwortet das Buch nicht. Es beantwortet viele Fragen nicht, aber es zeigt, wie einer, der das Ungewöhnliche wagt, sich selbst und seine Frau vor etwas “Bösem” rettet. Dieses Böse verkörpert Noboru Wataya in der vermeintlichen Realität, der Schwager von Toru.
Alles hängt zusammen
Wie Noboru Wataya besiegt wird, was all das mit der Ouverture zu Rossinis “Die diebische Elster”, mit Malta, mit dem japanischen Marionettenstaat Manchurei und mit einem Brunnen zu tun hat, das kann nur ahnen, wer das Buch liest. Wissen kann er es nicht. Nur so viel ist klar: Alles, wirklich alles, hängt zusammen.
Ein Buch, das soetwas schafft, macht Gänsehaut!
Wenn Karl klettert, ist der Berg klein. Dann ist er gerade so groß wie der nächste Griff, der er sucht. Er steht mit einer Zehe auf einer Kante im Kalk, so breit wie ein Grashalm . Seine Wade verkrampft immer mehr. Im Kopf singt die Angst, dass die Kante rausbricht, weil der Kalk teuflisch bröckelt. Der letzte Haken steckt fünf Meter unter ihm und lacht ihn aus. Ganz nah vor sich sieht Karl nur grau. So sieht der Berg aus: ein graues Quadrat, glatt. Je höher Karl über dem Haken ist, umso glatter. Manchmal krabbelt eine Spinne durchs Bild. Karl hasst diese Spinnen, die nicht nach dem nächsten Griff suchen müssen, aus Neid. Über das winzige “Schusternagele”, das mitten im Fels wächst, muss Karl fast lachen. Ein blauer Punkt im grauen Quadrat, er kann sich nicht erklären, woran es sich festhält. Er lacht auch nicht, dann würde er fallen. Fünf Meter plus fünf (wenn der Haken hält) plus die Seildehnung und am Ende klatscht er gegen den Fels. Das gäbe einen roten Fleck im Quadrat. Stattdessen starrt er weiter ins Graue, sucht Griffe. Er sieht nur die, die groß genug sein könnten, zumindest für zwei Finger. Aber wenn die Augen Hoffnung schöpfen, merkt die Hand gleich: “Gar nicht dran zu denken. Vergiss es.” Also macht er die Augen zu und lässt die Hand alleine suchen. So sieht der Berg aus: Warm, rau, mit Schüppchen wie Messerklingen, Knubbeln wie Perlen, Löchern wie Pistazienschalen – schön und klein.